Mein Kampf – der Film

Kunst ohne Grenzen — „Mein Kampf“ auf der großen Leinwand

Für die meisten Menschen ist Hitlers Kampfschrift „Mein Kampf“, in der er seine absurden Thesen zu Rassenbiologie und dem, was später der Holocaust sein sollte, entwickelte, nicht mehr als ein indiziertes und veraltetes Buch. Ernste Dokumentationen oder tief gehende Kinofilme über Hitler und die Holocaust-Thematik ist das allgemeine Kino- und Fernsehpublikum bereits gewöhnt, doch darf man sich über Hitler auch lustig machen? Charlie Chaplin würde natürlich grinsend nicken, doch im deutschen Sprachraum nimmt man die Sache mit dem schrecklichen Diktator meist nicht ganz so gelassen. Aber Kunst darf bekanntlich fast alles.

Mein Kampf - Poster 1

Erfolgreiches Bühnenstück

Was leider nur die Wenigsten wissen: darstellende Künstler haben sich schon seit Jahren an den markanten Stoff herangewagt und das Buch zu einem grotesken und satirischen Bühnenstück ausgearbeitet. Mit viel Jubel wurde 1987 „Mein Kampf“ als Theaterstück uraufgeführt. Unter der Regie George Taboris, der für seinen schwarzen Humor und beißenden Spott bekannt ist, konnte das Stück ja nur zum Erfolg werden. Mit viel Sarkasmus, überspitzt und surreal zugleich, wird die Wandlung des jungen und talentlosen Malers Adolf Hitler zum durchgedrehten Massenmörder illustriert. Tabori gibt dem gescheiterten Hitler, der sich erfolglos an der Kunstakademie Wien beworben hatte und nun im Männerasylheim der Frau Merschmeyer hausen muss, eine makabere Leitfigur: Der jüdische Straßenhändler Schlomo Herzl wird zu einer Art Ersatzvater für Hitler, hilft ihm bei der Eroberung der angebeteten Gretchen, stutzt ihm den Bart zum kleinen Oberlippenbärten zurecht und liefert ihm sogar den Titel für seine Autobiographie.

Der Trailer zum Film

Herzrreißende Komödie von einem begabten „Spielemacher“

Schlomo Herzl ist ein unerschütterlicher Menschenliebhaber. Er nimmt sich dem jungen und orientierungslosen Hitler an, verpasst ihm die Markenzeichen Schmalzfrisur und Bärtchen und schließt ihn als Quasi-Ersatzsohn in sein Herz. Der oftmals sinnlos schreiende und haltlose Bursche Hitler begibt sich gern in diese groteske Beziehung. Grotesk natürlich deshalb, weil Hitler die Juden später als Untermenschen ansehen und sie verfolgen wird.
Das Wort „grotesk“ ist bei Taboris „Mein Kampf“ und anderen Stücken wahrlich Programm. Der ungarische Schauspieler und Regisseur, der den Titel „Regisseur“ zu Lebzeiten als zu autoritär ablehnte und sich selbst lieber als „Spielemacher“ bezeichnete, erntete für seine Arbeiten stets Anerkennung und Lob. Er selbst wurde 1914 in Budapest geboren und erlebte die Schrecken des Dritten Reichs persönlich mit. Seine von sarkastischem Humor getränkten Aufführungen stellen die Tragik des Rassismus und der Verfolgung komisch heraus. In „Mein Kampf“ portraitiert Tabori Hitler als gescheiterte Existenz ohne Perspektive, der ausgerechnet ein Jude zur neuen Karriere als despotischer Herrscher verhilft, alles mit einer kräftigen Portion absurder Komik. So lacht das Publikum gern über diesen in Wahrheit nicht sonderlich lustigen Diktator.

Verfilmung mit Götz George

Die fabelhafte Umsetzung des „Mein Kampf“-Stoffs von George Tabori erfreut sich bei Theatergängern zwar größter Beliebtheit und ist den Kritikern ein Stern am Nachthimmel, doch der breiten Bevölkerung bleibt die geschickte Satire weitestgehend verschlossen. Der Schweizer Urs Odermatt versucht, diesem Missstand entgegen zu wirken. Unter seiner Regie kam „Mein Kampf“ 2011 in die deutschen Kinos und sollte so ein größeres Publikum ansprechen. Der sensible Stoff allerdings machte das ganze Unterfangen zu einer nicht gerade leichten Angelegenheit. Zudem musste das Filmteam in vergleichsweise riesige Fußstapfen treten. Das Publikum und die Kritiker waren von Taboris Umsetzung begeistert. Hierbei nicht die tragische Rolle der untergehenden Titanic einzunehmen, war fast nicht umgänglich. Tatsächlich fiel der Film bei Kritikern und Publikum des deutschen Sprachraums weitestgehend durch.

Keine guten Kritiken für den Film

Zugegeben wirkten bei der Produktion des Schweizers einige namenhafte Schauspieler mit. So mimte Götz George den Juden Schlomo Herzl, Tom Schilling den jungen Hitler. Doch die Umsetzung ließ durchaus zu wünschen übrig. Der eigentlich hanebüchene Stoff — nämlich, dass ausgerechnet ein warmherziger Jude Hitler vom geplanten Selbstmord abhält und ihn zu dem macht, was er später einst werden sollte — ging unter. Zu sehr entwickelte sich der Film zu einem pathetischen Lehrstück, in dem der weise Schlomo Hitler Ratschläge gibt, die der partout nicht verstehen will und ins genaue Gegenteil verdreht.
An einer ausgelutschten Thematik kann es nicht gelegen haben, immerhin wird Taboris Vorlage immer noch gern aufgeführt und ist gut besucht. War es vielleicht die Überarbeitung, zu der Odermatt greifen musste, um das Theaterstück in ein Großkinoformat zu transferieren? Im Original kommt das Stück mit wenigen Figuren aus, sechs Charaktere finden sich dort. Im Kinofilm sind es doppelt so viele, kleine Nebenrollen, die irgendwie noch hinzugefügt werden mussten, damit der Film auch ein Film und kein Theaterstück im Film ist.

Dürftige Leistungen der Produktion

Eigentlich war mit Tom Schilling ein vielversprechender deutscher Jung-Schauspieler für den Part des Adolf Hitler gefunden. Schilling hatte schon in der Vergangenheit mit soliden Leistungen überzeugt und einige Filmpreise gewonnen. Aber in der Rolle des jungen gescheiterten Malers Hitler geht er hoffnungslos unter. Ob es sein Fehler oder der seines Regisseurs war, bleibt fraglich. Die größte Kritik an Odermatts Umsetzung: zu pseudorealistisch. Wo Tabori auf Surrealismus und absurde Farce setzt, versucht der Schweizer eine unpassende Form des Realismus in seinen Film zu integrieren. Vollkommen deplatziert natürlich, immerhin geht so der ganze Charme der umjubelten Theater-Groteske flöten. Größter Stolperstein für den Schauspieler Tom Schilling war hier der unecht wirkende, sehr aufgesetzte und übertrieben oberösterreichische Dialekt, den man Hitler wohl im Sinne der Authentizität verpassen musste. Dennoch guckt man Schilling gerne zu, obwohl man sich dabei gerne die Ohren zuhalten möchte.

Götz George als Hoffnungsschimmer

Tatort-Kommissar Horst Schimanski zählt zu den beliebtesten deutschen Fernsehcharakteren, die es so gibt. Götz George kann daher ohne Bedenken als etablierte deutsche Film- und Fernsehgröße bezeichnet werden. Ganze 42 Auszeichnungen für seine schauspielerischen Leistungen darf das alte Eisen sein Eigen nennen, darunter auch einen Emmy Award — der wichtigste und namenhafteste Fernsehpreis der Welt. Mit ihm als Schlomo Herzl war Odermatt ein wahrer Coup gelungen. Götz George hatte schon Erfahrung mit dem NS-Stoff: 1999 schlüpfte er für „Nichts als die Wahrheit“ in die Rolle des berühmten NS-Arztes Josef Mengele. Aber auch Komödie kann er. Er war also perfekt für die Rolle. Und tatsächlich gehört der Film eigentlich ihm. Er ist virtuos, sympathisch und irgendwie auch genau so verschroben, wie man es von einem alten Juden erwarten muss, der sich eines jungen Adolf Hitlers annimmt.

Pseudo-Fakten und Halbwahrheiten

Natürlich ist es immer schwer und vielleicht auch etwas unfair, ein Medium mit dem anderen zu vergleichen, beziehungsweise die Vorlage für eine Adaption als Ultimum zu setzen. Doch in diesem Fall wird der Unterschied zwischen Theater und Film einfach zu deutlich. Während Tabori mit seiner gewagten Satire komplett auf Authentizität und Fakten verzichtet, versucht Odermatt erfolglos die grotesken Mechanismen Taboris mit vermeintlichem Realismus zu spicken. Eine Kombination, die leider gewaltig daneben geht. Während Hitler im Film wohl in den Jahren 1910-1913 in Wien auftaucht, geschieht dies in Wahrheit schon 1907. Ebenso inkorrekt, da nicht eindeutig belegt: In Odermatts Adaption entwickelt Hitler seine schrecklichen Ideen zur Massenvernichtung bereits in dieser Periode seines Lebens. Tatsächlich gibt es für diese Annahme keinerlei historische Belege. Hitler entfaltete sein politisches und dogmatisches Wirken erst in München, wo nach dem Ersten Weltkrieg landete. Odermatt — und somit auch Schauspieler Tom Schilling — nehmen Hitler einfach zu viel vorweg, zum Leidwesen der schrägen Komik von Taboris Original.

Unausgewogen und wirr

Das eigentlich Komische an der Beziehung von Hitler zu Schlomo Herzl ist ja, dass der alte weise Jude Hitler Ratschläge und Tipps gibt, die dieser komplett falsch auffasst und letzten Endes zu dessen Idee des Holocaust führen. Wieder versteckt sich hier ein Pseudo-Faktum. Die konkreten Ideen zur Massenvernichtung bestimmter Bevölkerungsgruppen und Ethnien entwickelte Hitler in diesem Stadium seines Lebens noch nicht. In krassem Kontrast zu diesen vermeintlichen Fakten stehen vollkommen erfundene Parts und Charaktere des Film, kombiniert natürlich mit der ohnehin schon fiktiven und abgedrehten Story von Hitlers enger Beziehung zu einem alten Juden. All das entwickelt ein großes Potpourri ohne klare Substanz oder Figurencharakterisierung. Im Gegensatz zum Bühnenstück misslingt es dem Film leider über die pathetische Ersatz-Vater-Sohn-Beziehung hinaus zu blicken und der Charakterisierung Adolf Hitlers etwas Neues hinzu zu fügen.

„Mein Kampf“ neben Theater und Film

Die eigentliche Form von „Mein Kampf“ ist ja bekanntlich ein Buch. Oftmals wird es fälschlicherweise als Autobiographie bezeichnet. Tatsächlich ist es aber eine zweckmäßige Kampf- und Propagandaschrift, die in zwei Teilen erschien. Der erste Teil wurde 1925 veröffentlicht, 1926 folgte der zweite. Die Teile wurden bis 1932 in der Weimarer Republik zu viel diskutierten Bestsellern, bis 1933 die Machtübernahme Hitlers folgte und das Buch ohnehin Pflichtbestandteil jedes Haushaltes wurde. Im Laufe der Jahre tauchten immer mehr Editionen und vermeintliche Manuskripte von Hitler selbst auf. Die Deutsche Erstausgabe vom Juli 1925 wird heutzutage aber als die authentischste angesehen.

Aktuelle Rechtslage zu „Mein Kampf“

Da Hitler bis zu seinem Tod in in München am Prinzregentenplatz 16 gemeldet war, wurde sein Vermögen zunächst von den amerikanischen Alliierten beschlagnahmt und nach Kriegsende an den Freistaat Bayern übergeben. Der gesamte Nachlass, der auch die Rechte an „Mein Kampf“ beinhaltet, wurde fortan vom bayrischen Staat verwaltet. Die Nutzungsrechte an dem Buch enden am 1. Januar 2016. Momentan existieren Bestrebungen „Mein Kampf“ neu aufzulegen und kritisch zu kommentieren. So könnte das Buch wieder für einen speziellen und nischenhaften Handel freigegeben werden. Rechtlich gesehen entschied der Bundesgerichtshof 1979, dass der Besitz und der antiquarische Handel mit „Mein Kampf“ nicht strafbar sei, der gewerbliche allerdings schon. Neue, kritische Auflagen, die sich vor allem an Wissenschaftler und Forscher richten, wären von diesem Verbot dann ausgenommen.
In Großbritannien und den USA ist „Mein Kampf“ übrigens frei erhältlich, ebenso in einigen skandinavischen Ländern.

Die Notwendigkeit kritisch kommentierter Ausgaben

Grundsätzlich ist „Mein Kampf“ immer noch als hetzerische Kampfschrift zu bezeichnen und zu sehen. Der freie Erwerb einer derartigen Schrift kann und sollte auch nicht ohne Bedacht getätigt werden. Hitler verstand es Zeit seines Lebens rhetorisch sehr geschickt vorzugehen und so die Massen zu blenden und zu manipulieren. In „Mein Kampf“ sieht das nicht anders aus. Vorsicht ist vor allem im Internet geboten. Hier entstand in den letzten Jahren eine riesige Grauzone, in der der Text auf unzähligen Sprachen veröffentlicht wurde. Im Gegensatz zum herausgegebenen Buch besteht für einen Autor im Internet allerdings keine Nachweispflicht bezüglich der Quellen seines Textes. Einige Passagen könnten abgeändert und instrumentalisiert werden. Daher sind kritisch kommentierte Ausgaben mit einer allgemeinen Einführung und Sensibilisierung für den kernigen Stoff unbedingt notwendig. Denn bei der subjektiven Erfahrung des alleinigen Lesens ist kein objektives Verständnis der Materie garantiert. Auch fehlt der nötige Abstand und die klare Abgrenzung, die „Mein Kampf“ auf der Bühne oder als Film ohne weiteres leistet.